Fachgesellschaft • 03.05.2016

Liebeserklärung an die Hybridbildgebung

Mit der European Society for Hybrid Medical Imaging (ESHI) wurde auf dem ECR 2016 eine neue Teilfachgesellschaft der ESR offiziell eingeführt. „Es wurde höchste Zeit!“, bekräftigt Prof. Thomas Beyer, Professor of Physics of Medical Imaging and Deputy Head of Center for Medical Physics and Biomedical Engineering der Medizinischen Universität Wien: „Die Hybridbildgebung hat sich längst in der Klinik etabliert. Und was wir durch die Integration einzelner Bildgebungsmodalitäten sehen können, ist einfach umwerfend.“

Report: Michael Krassnitzer

Univ.-Prof. Dipl.-Phys. Dr. Thomas Beyer is Professor of Physics of Medical Imaging and Deputy Head of Center for Medical Physics and Biomedical Engineering at the Medical University Vienna.
Quelle: WU Vienna, Austria

Die Hybridbildgebung war einer der Schwerpunkte des ECR 2016. Das ist kein Zufall, schließlich war Kongresspräsidentin Prof. Dr. Katrine Riklund (Umeå, Sweden) auch Präsidentin der neuen ESHI. Bei der Hybridbildgebung werden zwei bildgebende Verfahren in einem Gerät kombiniert und die aus den verschiedenen Verfahren gewonnenen Bilder übereinandergelegt. Morphologie und Funktion, Struktur und Stoffwechsel eines Organs oder des ganzen Körpers können auf diese Weise gemeinsam abgebildet und korreliert werden.

PET/CT, die Kombination von Positronen-Emissions-Tomographie und Computertomographie, und SPECT/CT, die Kombination aus Single-Photon-Emissionscomputertomographie und Computertomographie, sind innerhalb der letzten zwölf Jahre zum fixen Bestandteil der radiologischen und nuklearmedizinischen Diagnostik geworden. Weltweit gibt es über 5.000 PET/CT-Geräte. „Das ist ein Zehntel des CT-Marktes“, betont Beyer, der Mitglied des ESHI-Boards ist. SPECT/CT-Geräte gibt es weltweit nicht ganz so viele, es sind aber immerhin auch um die 3.000 Stück. „In beiden Bereichen wird es technologisch zu keinen Quantensprüngen mehr kommen“, erläutert Beyer: „Aber natürlich kommt es laufend zu Verbesserungen der Rekonstruktionsverfahren und zur Entwicklung zusätzlicher Korrekturverfahren.“  

Viel Entwicklungspotenzial hingegen hat noch PET/MR, also die Kombination aus PET und Magnetresonanztomographie. „PET/MR steckt noch in den Kinderschuhen, hat aber für die Forschung ein gewaltiges Potenzial“, betont Beyer. MR als molekulare radiologische Bildgebungsmethode bietet eine große Bandbreite an Kontrasten und Quantifizierungsverfahren, mit denen sich die verschiedenste Biomarker adressieren lassen. In Kombination mit der PET, die mittels personalisierbarer molekularer Biomarker direkt den Stoffwechsel oder Signaltransportprozesse darstellen kann, eröffnet dies völlig neue Einblicke. „Allerdings ist es noch nicht gelungen, eine klinische Anwendung zu finden, bei der PET/MR beispielsweise der PET/CT überlegen ist“, räumt Beyer ein. Rezente klinische Metaanalysen haben gezeigt, dass es keinen statistisch nachgewiesenen diagnostischen Unterschied zwischen PET/MR und PET/CT für die gleichen verwendeten Tracer gibt. Beyer: „Der ursprüngliche Hype ist einem gewissen Realitätssinn gewichen.“

Der in Österreich tätige deutsche Physiker brach in einem seiner Vorträge auf dem ECR 2016 eine Lanze für sein Fach: „Ohne Physik würde die Bildgebung, insbesondere die Hybridbildgebung, gar nicht existieren“, unterstreicht er: „SPECT/CT wurde von einem japanischen Physiker erfunden, PET/CT hat ein englischer Physiker umgesetzt und PET/MR wurde von drei Physikergruppen entwickelt.“ Die Physik sieht er daher als einen wichtigen Partner der Klinik: „Eine so hochkomplexe Technologie wie die Hybridbildgebung lässt sich von einem einzelnen Experten gar nicht mehr stemmen.“

Diese Partnerschaft lebte Beyer auch auf dem ECR 2016: In einer praktischen Hand-on-Session brachte er Radiologen aus physikalischer Perspektive bei, wie sie auf Hybridbildern Bildstörungen oder Artefakte erkennen und von vorneherein vermeiden können. Strahlenaufhärtungsartefakte – eine typische Veränderung von Röntgenstrahlung beim Durchdringen von Materie – oder Bewegungsartefakte – wenn sich der Patient zwischen PET und CT bewegt hat – werden demnach sehr häufig durch falsche Protokolldurchführungen, also falsche Akquisitionsparameter, durch inkorrekte Patientenvorbereitung oder auch durch eine Fehlfunktion der Geräte hervorgerufen.


PROFIL:
Univ.-Prof. Dipl.-Phys. Dr. Thomas Beyer is Professor of Physics of Medical Imaging and Deputy Head of Center for Medical Physics and Biomedical Engineering at the Medical University Vienna. The Russian-born german physicist is co-developer of combined PET/CT imaging systems, he has a background in research and project management in academia and imaging industry. Beyer is a member of various national and international Medicine organizations, a founding member of the European Association of Nuclear Medicine (EANM) Physics Committee, the European Society of Hybrid Imaging (ESHI) and past Head of the New Technology working group at the Association of Imaging Producers and Equipment Suppliers (AIPES).